Stress

und psychosomatische Zusammenhänge


Woher kommt das Wort
Stress?  

Der ungarische Arzt, Hans Selye, der Begründer der neueren Stressforschung, hat etwa 1950 den Begriff „ Stress “ in die Medizin und die Psychologie eingeführt. Stress wurde von ihm als Leistung steigernde Anpassung auf körperliche oder seelische - akute oder andauernde - Belastungen definiert, die durch verschiedene „Stress oren“ hervorgerufen werden können. Das Wort kommt ursprünglich aus dem technisch-physikalischen Bereich, dem der Materialprüfung. „ Stress “ bedeutet hier die Anspannung und Verzerrung von Metallen und Glas. Dieser plastische Begriff meint im seelischen Bereich etwas ganz ähnliches: Die Belastungen, Anstrengungen und Ärgernisse, denen ein Lebewesen täglich durch viele Umwelteinflüsse ausgesetzt ist. 

Was geschieht bei einer Stress reaktion? 

Entwicklungsgeschichtlich haben wir den Mechanismus, der Stress auslöst, zum Überleben dringend gebraucht. Sinn der Stress reaktion ist ursprünglich die Lebenserhaltung durch einen reflexhaften Angriffs- oder Fluchtmechanismus. Wenn Gefahr droht, kommt es zu einer immensen Kraftentfaltung und Kraftbereitstellung: Die Nebennieren schießen unter anderem das bekannte Stress hormon Adrenalin ins Blut. Die Tätigkeit des Sympathikus-Nervs wird gesteigert. Dadurch werden Energien in Muskeln und Gehirn freigesetzt, es erfolgt eine blitzartige „Mobilmachung“ aller Körperreserven. Puls, Blutdruck und Atemfrequenz steigen, der Magen-Darm-Bereich stellt die Verdauungsarbeit ein, aus den Blutreserveräumen werden sofort rote Blutkörperchen zum Einsatz geschickt, die eine Sauerstoffaufnahme und Kohlendioxydabgabe erleichtern sollen; der Blutgerinnungsfaktor nimmt zu. Innerhalb kürzester Zeit ist der Mensch „kampf- oder fluchtbereit“. Es handelt sich also um eine notwendige und völlig natürliche Alarmreaktion, die automatisch bei jeder möglichen Gefährdung des Wohlergehens erfolgt und unsere Existenz sichert.  

Eine Stress reaktion wird durch große körperliche Anstrengungen ebenso verursacht wie durch Erkrankungen und chirurgische Eingriffe, aber auch durch Furcht und Schmerz bis hin zu traumatischen Erlebnissen, aber auch  durch ungünstige Umweltbedingungen, etwa Lärm oder Mobbing am Arbeitsplatz, und andere psychosoziale Belastungen, die allesamt Umstellungen im Hormonhaushalt und bei andauernder Belastung oft sogar psychosomatische Erkrankungen zur Folge haben.

Stadien der Stress reaktion 

Alarmphase: Es kommt zu Hormonauschüttung mit Blutdrucksteigerung, Puls- und Tonussteigerung der Muskulatur, gleichzeitig werden Verdauung, Sexualität und Immunabwehr gedrosselt, die kognitive Leistungsfähigkeit sinkt. Nach nur kurzfristigem Stress folgt die Erholungsphase, alle physiologischen Parameter gehen in die Ausgangslage zurück.

Anhaltender Stress:  Resistenz- oder Widerstandsphase
(z.B. längere Fahrt bei Glatteis): Die Widerstandsfähigkeit gegenüber Stress oren (Stress -Auslöser) ist erhöht und die Alarmreaktion kann jetzt noch schneller ausgelöst werden, aber die Immunlage als ganzes bleibt geschwächt, Krankheitserreger können schwerer unschädlich gemacht werden. Daneben haben die dauernd erhöhten Konzentrationen gewisser Hormone, Fettsäuren und anderer Stoffwechselprodukte, die die motorischen Energiereserven bereitstellen, weitere Nebenwirkungen, insbesondere, wenn sie nicht durch motorische Bewegung abgebaut werden. Die Folge sind vielerlei Störungen wie z.B. des Herzkreislaufs mit Vergrößerung des Infarktrisikos, Magen-Darm-Störungen, Beeinträchtigungen des Konzentrationsvermögens u.a. 

Von den konstitutionellen Faktoren hängt es ab, ob es zu einer Erkrankung kommt. Ein nicht vorgeschädigter Organismus kann auch mehrere solcher Widerstandsphasen überstehen, vorausgesetzt es gibt ausreichende Erholungsphasen.  

Erschöpfungsphase: Hält die Stress situation genügend lange und intensiv an, tritt schließlich die Erschöpfungsphase ein mit erneuten Symptomen der Alarmreaktion, die dann aber irreversibel sind und den Tod zur Folge haben können. 

Dauer stress  

Der dem akuten Stress nachfolgende Zustand kommt nun dadurch zustande, dass wir die Ausschüttung von Stress hormonen anders verarbeiten müssen als in einer Kampf- oder Fluchtreaktion. Wenn die frei werdenden Energien in der Situation nicht in körperlicher Aktion ausagiert werden können, richten sie sich gegen den eigenen Körper, vor allem, wenn wir auch in unserer freien Zeit nicht für eine „Mobilmachung“ sorgen. Problematisch wird es, wenn der Körper sich nicht wieder entspannen kann, sondern in eine ständige Alarmbereitschaft gerät. Diese entsteht durch teils bewusst wahrgenommene, teils unterschwellige Stress oren (Stress -Auslöser) wie Lärm, ein Überangebot an Reizen oder seelische Faktoren wie Frustration, Ärger und Angst. 

Nach Selye verbraucht jede Stress reaktion „Anpassungsenergie“. Diese muss in genügend langen Ruhepausen wieder aufgebaut werden. Sind solche Regenerationsphasen zu selten oder zu kurz, dann entsteht ein Defizit, das über kurz oder lang zur Erschöpfung des Reservoirs führen muss.

Auswirkung individueller seelischer Faktoren 

Die psychologische Stress forschung hat die Bedeutung der individuellen psychischen Faktoren herausgearbeitet: Menschen reagieren auf Stress mit unterschiedlichen körperlichen Reaktionsmustern. Ein und dieselbe Situation kann - abhängig von den Vorerfahrungen, die jeder einzelne in seinem Leben gemacht hat -  beim einen sehr starke, beim anderen gar keine Reaktionen auslösen. Insbesondere psychosoziale Stress oren sind deshalb nur subjektiv zu definieren. 

Umstritten ist die Feststellung, dass die Auslösung von Stress reaktionen unspezifisch ist, d.h. dass Stress reaktionen durch jede Auslenkung aus der Normallage ausgelöst werden können, also auch durch freudige Überraschungen und positive Ereignisse, wie z.B. Beförderungen u.a.

Was macht nun eine Situation zu einer Stress - Situation? 

  • Ausmaß der Bedrohung

  • Große zeitliche und räumliche Nähe zu einer Bedrohung

  • Uneindeutigkeit oder Unberechenbarkeit einer Situation

Was macht eine berufliche  Situation zu einer Stress - Situation?  

  • Wenn sie hohe Anforderungen stellt

  • Wenn die eigenen Leistungs-Maßstäbe hoch sind 

  • Wenn eigene Fähigkeiten und Kompetenzen als unsicher eingeschätzt werden

  • Wenn die Konsequenz eines Scheiterns dramatisch ist

In unserem Alltag ist es meist nicht die lebensbedrohliche Situation. Es reicht schon der Chef, der uns mit Kritik und hohen Anforderungen unter Druck setzt. Hier ist weder eine Kampf- noch eine Fluchtreaktion möglich - beide wären einer Karriere nicht gerade förderlich.

Stress im Alltag  

Stress müssen wir alle aushalten, er gehört zum Leben. Aber unser Leben ist hektischer geworden: so wie der Rhythmus im gesellschaftlichen Leben verloren gegangen ist, so fehlt er auch im Privatleben. Früher gab es - obwohl die Menschen in der Mehrheit viel härter arbeiten mussten, vor allem körperlich - die Arbeit und den Feiertag. Wie viele Menschen arbeiten heute oft tagelang ohne Unterbrechung, auch an Wochenenden? Der innere - manchmal auch der äußere - Zwang, immer mehr erreichen zu müssen, tüchtiger als andere zu erscheinen, immer mehr Geld zu verdienen, ist hierbei häufig der entscheidende Faktor. Unsere Überzeugungen und unser Wertesystem erzeugen den maximalen Stress. Unser Selbst-Wert-Gefühl machen wir in der Regel zu sehr abhängig von der Anerkennung, die wir von außen bekommen, und von dem Anspruch unseres inneren „Antreibers“. 

Aber unabhängig davon gibt es natürlich weitere Faktoren, die die Menge des Stress es ausmachen. Sind wir unterfordert, wird uns langweilig, wir werden träge. Sind wir überfordert, entwickeln wir Symptome von gesundem Stress bis hin zum chronischen Überforderungssyndrom. Dazwischen liegt der Bereich, der vielen von uns abhanden gekommen ist: die mittlere Stress dosis, der
„Eu
stress“, bei dem wir uns durchaus wohl fühlen. Die Stress dosis ergibt sich aus dem Zusammenwirken von Auftretenshäufigkeit, der Vielfalt, der Dauer der Einwirkung und der Intensität von Stress oren. Zu wenig Stress ist jedoch genauso problematisch wie zu viel. Unser Organismus zeigt uns den gesunden grünen Bereich auf. 

Kontrolle oder Ausgeliefertsein? 

Entscheidend bei der Frage, ob sich Stress zu Dauer stress entwickelt, ist das Gefühl, dass man entweder die Situation im Griff hat oder ihr hilflos ausgeliefert ist. Wenn sich eine Belastung als kontrollierbar erweist, wird aus der Bedrohung eine Herausforderung  zu Kampf, Flucht oder Wettbewerb. Dann kommen uns die physiologischen Stress reaktionen zugute und spornen uns an. Finden wir aber keine Möglichkeit, eine drohende Gefahr rechtzeitig abzuwenden, macht uns das hilflos, wir fühlen uns ohnmächtig und elend. 

Wer ist „ Stress “ - gefährdet?  

Eine hohe Gefährdung haben Menschen, die geleitet werden von einem hohen Leistungsstreben und einer Neigung zu Perfektionismus, aber auch von Konkurrenzdenken und Ungeduld. Sie zeichnet ein hohes Verantwortungsbewusstsein aus und eine starke Zielorientierung, ebenso wie eine Tendenz zu Hektik und Aggressionsbereitschaft. Wenig „ Stress “ - gefährdet sind dagegen Menschen, die genau gegenteilig geartet sind. Sie reagieren gelassener auf Stress, setzen sich keine zu hohen Ziele, kennen ihre Grenzen, werden getragen von einem gesunden Gefühl des Maßes. Übertriebener Ehrgeiz fehlt ihnen ebenso wie starke Neid- und Konkurrenzgefühle. Sie zeigen gesunden Egoismus, und die Fähigkeit, auch mal NEIN zu sagen. 

Woran merken wir, dass wir uns in einer Überforderungs- bzw. Stress situation befinden? 

Symptome im gedanklichen Bereich:

  • Konzentrations-, Gedächtnis- und Leistungsstörungen,

  • Scheuklappeneffekt: Einengung der Wahrnehmung, Realitätsflucht

Symptome im Bereich der Gefühle:

  • Angst, Unsicherheit,

  • Unzufriedenheit, starke Gefühlsschwankungen,

  • Nervosität, Gereiztheit, Aggressionsbereitschaft,

  • oft Teilnahmslosigkeit, Depressionen, Leeregefühl

Körperliche Symptome / vegetativ-hormonelle Reaktionen:

  • Schlafstörungen, Schwitzen, Schwindel, Kurzatmigkeit,

  • Herzrasen, Herzstolpern, Blutdrucksteigerung,

  • Verdauungsbeschwerden mit Durchfällen,

  • Magen-Darm-Geschwüre durch erhöhte Säureproduktion, 

  • sexuelle Schwierigkeiten (Lustlosigkeit),

  • Menstruations- und Zyklusprobleme bei Frauen

Körperliche Symptome / muskuläre Reaktionen:

  • erhöhte Muskelspannung

  • Spannungskopfschmerz, Rückenschmerzen,

  • Leichte Ermüdbarkeit bei unruhigem Schlaf,

  • starre Mimik mit maskenhaftem Gesicht, Tics, fahrige Gestik

  • Fingertrommeln, Fußwippen, nächtliches Zähneknirschen

Sicher kennen die meisten Menschen die einen oder anderen Beschwerden, insbesondere in kurzzeitigen Stress situationen, die sich jedoch danach meist rasch wieder zurückbilden. 

Bedenklich wird es erst, wenn: 

  • die Symptome schon bei geringer Stress dosis auftreten

  • die Aktivierung intensiver ist

  • die Erholung langsamer

  • Langzeitschäden feststellbar sind, wie z B. erhöhter Blutdruck, Magengeschwüre u.a.

Tiefere Beweggründe, warum Leiden leichter ist als Lösen 

Die meisten Konzepte von Stress prävention (Vorsorge-Maßnahmen) greifen zu kurz, da sie die Motive der Menschen auf einer tieferen Ebene nicht berücksichtigen. Die Frage ist ja gerade: Warum ändern wir an dem offensichtlich zu hohen Stress niveau nichts? Warum bekämpfen wir den Stress lieber mit untauglichen Mitteln wie Alkohol, Essen, Zigaretten, Fernsehen? Die Antwort lautet: Weil etwas mit unserem Wertesystem nicht stimmt, mit unserer Kreativität und Spiritualität. Außerdem muss der Leidensdruck größer sein als z.B. die sekundäre Belohnung oder der „Krankheitsgewinn“ durch die reale Anerkennung, die wir erfahren, wenn wir so leistungsstark und belastbar sind, und das Ansehen, das wir gewinnen, wenn wir stark und erfolgreich sind. Und was lässt unser Selbstwertgefühl mehr anschwellen als für unersetzbar zu gelten? 

Wann ist ärztliche und oder psychotherapeutische Hilfe notwendig? 

Menschen mit Stress symptomen neigen dazu, Krankheitssymptome eher zu bagatellisieren oder zu verdrängen. Häufig wird der Weg zum Arzt erst dann gesucht, wenn sich bereits ernsthafte Beschwerden eingestellt haben oder die nächste Umgebung Alarm schlägt. Ergibt sich die Notwendigkeit einer intensiven stationären  Behandlung, dann ist ein stationärer Aufenthalt in einer psychosomatischen Fachklinik angezeigt. 

In der Abteilung Psychotherapie und Psychosomatik / Integrative Gestalttherapie bieten wir auf einer ganzheitliches Behandlungsgrundlage ein auf ca. 6 - 8 Wochen ausgerichtetes Intensivprogramm für Patientinnen und Patienten mit hoher Stress belastung bzw. stress bedingten Störungen an, das sowohl therapeutische Gespräche als auch körperorientierte Anwendungen beinhaltet Auch der Einsatz kreativtherapeutischer und leibtherapeutischer Anwendungen ist notwendig, um eine 
stress
bedingte Anspannungshaltung (Stressphysiologie) abzulegen und neue kreative Sichtweisen und Handlungsstrategien zu entwickeln. Sportliche physikalische und physiotherapeutische Anwendungen helfen in Sinne eines psychosomatischen Vorgehens.  

Haben Sie Interesse an weiteren Einzelheiten? Besuchen Sie doch unsere Homepage unter Integrative Gestalttherapie/Traumatherapie oder rufen Sie uns an. Unser Sekretariat gibt Ihnen unter den Nummern 05626 - 88 17 57 bzw. 88 18 65 gerne Auskunft.

Animationen animierte Augen

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Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten steht Ihnen unser Chefarzt im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in unserer Privatambulanz.

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Aktualisiert: Juni 2010

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